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Straßenwärter:
Angst
und Autos im Nacken ...
Von Britta
Müller
Rund 30 000 Straßenwärter sorgen auf
Deutschlands Autobahnen, Bundes-, Lande- und Gemeindestraßen für freie
Bahn – auch wenn das so mancher Verkehrsteilnehmer anders sieht, wenn
die nächste Fahrbahnverengung in Signalorange am Horizont auftaucht:
Zusätzlich zu ihrer generell enorm hohen physischen und psychischen
Belastung und den Gefahren, die der Job birgt, müssen sich die
Straßenbetriebsdienstler dann des öfteren auch noch fiese Pöbeleinen
gefallen lassen – obwohl sie es sind, die Sicherheit auf der Piste
produzieren. t@cker besuchte die Straßenwärter der
Autobahnmeisterei Erkner in Brandenburg ...
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Zsumm, zsumm, zsumm! Ein Auto nach dem
anderen rauscht an Marc Kralisch (19) und Marcel Schumann (20)
vorbei. Eine Fahrspur weiter donnern die Lkw auf der A 10 bei
Berlin Richtung Süden. Nur wenige Zentimeter entfernt vom rasanten
Autobahnverkehr gehen die beiden Straßenwärter-Azubis ihrem Job
nach. Der besteht im Moment darin, gut drei Tonnen Kartoffeln, die
ein überladener Laster vor wenigen Stunden verloren hat, vom
Asphalt aufzulesen. Da kommt garantiert keine Freude auf: Es ist
laut, zugig, herbstkalt – und vor allem lebensgefährlich. Marc,
Marcel und ihre Kollegen halten den Kopf für die Sicherheit der
Verkehrsteilnehmer hin. Tag für Tag. |
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„Die Kartoffeln müssen eingesammelt
und weggebracht werden, weil sich, von der Unfallgefahr mal ganz
abgesehen, ansonsten die Wildschweine aus dem Wald drüber her
machen würden“, erklärt der Leiter der Autobahnmeisterei, Andreas
Müller (47), „da hilft dann auch der Wildschutzzaun nichts, wenn
hier so ein Festtagsessen rumliegt.“ Dann sind also die
Straßenwärter auch so eine Art Müllabfuhr? „Das können Sie laut
sagen“, brummt der Diplom-Ingenieur. Nach acht Dienstjahren auf
der Autobahn gibt es für ihn nichts mehr, was es nicht gibt:
„Waschmaschinen, Kühlschränke, Herde, Mikrowellen, Möbel aller
Größenordnungen, Reifen, Altbatterien und Schrott“ –im
Grünstreifen und auf Parkplätzen entsorgen unverbesserliche
Zeitgenossen zuweilen ganze Hausstände, wie das „zentrale
„Schrott-Zwischenlager“ auf dem Gelände der Autobahnmeisterei
bezeugt ... |
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Als alle Autobahn-Kartoffeln in
Plastiksäcken verstaut sind, wird zum Rückmarsch in die Meisterei
geblasen. Die Bahn ist wieder frei – auch die Beamten der
Brandenburger Autobahn-Polizei haben sich soeben noch einmal davon
überzeugt und loben den Blitz-Einsatz der „Engel in Orange“. Ein
Mitarbeiter aus Müllers Team, gerade auf Kontrollfahrt, hatte die
Havarie des Kartoffellasters zufällig beobachtet und umgehend
gemeldet. Danach nahm er die Verfolgung des Delinquenten auf –
denn der hatte das Malheur offensichtlich gar nicht mitbekommen.
Auf einem Parkplatz machte ihn der Straßenwärter dann ausfindig
und stellte ihn zur Rede. „Das nenn’ ich Einsatz!“, nickt der
Meister zufrieden. Auch wir sind ganz schön beeindruckt von den
Straßenwärtern. Wie kann man so crazy sein |
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und einen Beruf ergreifen, bei dem
rundherum tonnenweise Blech mit mehr als 100 Stundenkilometern auf
einen zurast? „Och, man gewöhnt sich dran“, sagen Marc und Marcel. Die
Ausbildung, die sie seit zweieinhalb Jahren machen, sei gut, der Job
an sich auch. Angst? „Haben wir nicht“, sagen zwei junge Menschen, die
der harte Berufsalltag der Straßenwärter bis jetzt glücklicherweise
noch einigermaßen verschont hat. Erfahrenere Kollegen wie Müller oder
Personalrat Roland Kristeleit (42) sehen die Dinge differenzierter.
„Die Angst ist immer da, das ist völlig klar“, sagt der
Autobahnmeisterei-Chef, „und die verdrängt man beim Arbeiten, so gut
es eben geht.“ Das ist permanenter „Stress hoch drei“, betont
Kristeleit: „Immer hundertprozentige Konzentration, immer in der Lage
sein, sich mit einem Sprung über die Leitplanke in Sicherheit zu
bringen ...“ Statistisch ist das Berufsrisiko der Straßenwärter 23 Mal
höher als das durchschnittliche entsprechende Risiko in der
gewerblichen Wirtschaft. Die durchschnittliche Zahl der tödlichen
Unfälle im Jahr liegt bei neun, die der Schwerverletzten im
dreistelligen Bereich.
Studie:
Enorm hohe psychische Belastungen
Und auch die psychischen Belastungen im
Straßenbetriebsdienst sind nicht von Pappe, wie eine jüngst vorgelegte
Studie, heraus gegeben vom Verband Deutscher Straßenwärter (VDStra) im
dbb und der Landesunfallkasse Nordrhein-Westfalen, belegt:
Das unmittelbare Arbeiten im fließenden
Verkehr bei permanentem Lärm, Vibrationen und Erschütterungen, bei
Wind, Wetter, extremsten Bedingungen und Abgasnebel, gepaart mit dem
ständigen Bewusstsein, dass etwas passieren kann, geht an die Nieren,
hat Diplom-Psychologe Roland Portuné bei einer Befragung von
Straßenwärtern heraus gefunden. Bedrohungs- und Angstgefühle führen
nicht selten zu psychovegetativen Beschwerden, Kopfschmerzen und
Schlafstörungen. Hinzu kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen, die
von Gehöreinbußen über Herz-Kreislauferkrankungen bis hin zu
degenerativen Abnutzungserscheinungen des Stütz- und
Bewegungsapparates reichen – der Job geht auf die Knochen, und die
Straßenwärter spüren das im Kreuz und sämtlichen Gelenken. Schwere
körperliche Arbeit und dabei Angst und Autos im Nacken - eine
Gefahrenzulage wie etwa die Kollegen von der Polizei bekommen die
Straßenwärter trotzdem nicht.
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„Besonders schlimm ist die Situation
immer, wenn es einen von uns erwischt“, schildert
Autbahnmeisterei-Chef Andreas Müller. „Aufrauchen“ nennen es die
Straßenwärter in ihrem Jargon, wenn ein Verkehrsteilnehmer eine
Kolonne übersieht und auffährt. „Der Erste, der dran glauben muss,
ist derjenige im Vorwarner-Fahrzeug“, erklärt Müller. Er kennt
einige Betroffene, die so einen Crash überlebt haben und danach
nie wieder in den Sicherungswagen gestiegen sind. „Die sind
traumatisiert für den Rest ihres Lebens. |
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Das muss man dann als Chef auch
verstehen und die Aufgaben umverteilen.“ Überhaupt – es grenzt
schon an ein Wunder, wie die Straßenwärter das, was sie in ihrem
Job auf der Straße sehen, verarbeiten. „Ich kann die Toten schon
nicht mehr zählen“, sagt Müller. Bei nahezu jedem Unfall auf der
Autobahn sind er und seine Kollegen mit die Ersten, die an der
Unfallstelle eintreffen. „Vergessen Sie alles, was Sie im
Fernsehen an Unfällen sehen“, sagt Roland Kristeleit ernst, „die
Realität überbietet alles.“ |
Und trotzdem machen sie und ihre Kollegen
weiter, Tag für Tag. Auf insgesamt mehr als 50 Streckenkilometern
Autobahn, jeweils sechsspurig, sorgen die Straßenwärter von Erkner für
freie Fahrt. Und nicht nur das – hinzu kommt die Betreuung von 95
Brücken, 45 Verkehrszeichenbrücken, über 13 Kilometern Lärmschutzwand,
vier Großparkplätzen und zwei Tank- und Raststellen, auf denen die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Parkplätze sauber halten. Obwohl
all das nicht nach einem Traumjob klingt, hat Müller keine Probleme,
Berufsnachwuchs zu finden. „Ist doch auch klar“, sagt Personalrat
Kristeleit, „in diesen Zeiten und im Osten ...“ Der Beruf des
Straßenwärters ist formell seit 1968 als Ausbildungsberuf anerkannt.
Und die Frauen und Männer müssen eine breite Palette an Fähigkeiten
parat haben – nicht nur den Lkw-Führerschein, der in der Regel während
der Ausbildung gemacht wird: Neben fundiertem Erste-Hilfe-Wissen sind
handwerkliches Können wie Pflastern, Schlosserei, Mechanik oder der
Umgang mit der Kettensäge ebenso gefragt wie die Bedienung der
High-Tech-Steuerungen für die einzelnen Geräte in den Unimogs. Da sind
Funk- und Mähgeräte, Streuautomaten, Schneefräse und -pflug ebenso zu
bedienen wie die funkgesteuerte Technik der Signal-Anzeigetafeln an
den Sicherungsfahrzeugen, von den Beschäftigten liebevoll „Mäusekino“
genannt. Kopf und Geschick sind täglich gefordert – bei
Baustellenaufsicht, Baubegutachtung und betriebswirtschaftlichen
Entscheidungen. Hier sind nur professionelle Allrounder am Start –
leider nur allzu oft unterschätzt von zahlreichen Verkehrsteilnehmern.
Nicht nur, dass sich diese mit wachsender Aggressivität gegenüber den
Straßenwärtern verhalten. Auch der Respekt vor der
Straßenverkehrsordnung lässt mittlerweile sehr zu wünschen übrig,
stellen die Betriebsdienstler traurig fest: „Wie hier seit
Fertigstellung der Autobahn gerast wird, ist nicht mehr normal“, sagt
ein Kollege von
Andreas
Müller. „Entsprechend verheerender werden die Unfälle ...“ Eine
bemerkenswerte Ignoranz, die da gegenüber den Straßenwärtern an den
Tag gelegt wird – immerhin sorgen sie für einen reibungslos
funktionierenden Verkehrsfluss, der, spätestens seitdem die
Lagerkapazitäten der Industrie weitgehend auf die Straße und Schiene
verlagert worden sind, eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit ist.
Straßenwärter – nicht zuletzt sozusagen Teil einer schlanken
Produktionskette. Wir brauchen diese „Engel in Orange“, findet t@cker,
und bittet: Fuß vom Gas, wenn das nächste Mal das „Mäusekino“ am
Horizont auftaucht – das sind die Guten!
Mehr dazu im Internet:
www.strassenwaerter.de
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