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  Straßenwärter-Reportage im dbb-jugend magazin "tacker"  
 

Editorial  

„Freie Bahn!“ fordert der November-t@cker - für „Neue Wege im öffentlichen Dienst“. Das gleichnamige Reformkonzept haben – siehe untenstehenden t@cker-Leitartikel – dbb Chef Peter Heesen, Bundesinnenminister Otto Schily und ver.di-Vorsitzender Frank Bsirske am 4. Oktober 2004 in Berlin vorgelegt. Gemeinsam fordern sie die zeitnahe Umsetzung von zahlreichen Eckpunkten, um Deutschlands

öffentlichen Dienst fit für die Herausforderungen der Zukunft zu machen. Seit diesem Tag sind die Vorschläge in aller Munde und viel diskutiert. Auch in den Reihen der dbb jugend, davon gehe ich einfach mal aus. Und das ist gut so. Nehmt euch die Zeit für eine fundierte Meinungsbildung. Ich persönlich bin schon überzeugt von den ausgehandelten Eckpunkten: Das ist unsere Zukunft! Informiert

euch, was das Zeug hält, sagt uns eure Meinung! Im t@cker-special sind alle wesentlichen Aspekte des Reformkonzepts auf einen Blick zusammengefasst. Im Internet findet ihr unter www.dbbj.de weitere umfangreiche Informationen zu den „Neuen Wegen“. Auch im Übrigen ist dieser t@cker wie immer lesenswert – die t@cker-story berichtet über den gefährlichen Job der Straßenwärter, die auf Brandenburgs Autobahnen für freie Fahrt sorgen. Und noch ein heißer Tipp: Die „Bonbon-Mega-Aktion 2004“ – t@cker verlost, noch rechtzeitig zur diesjährigen Bescherung, zwei schicke Jukeboxen im original Nostalgie-Design!

Dietmar Knecht
Vorsitzender dbb jugend

 

(Download: t@cker 994,85 KB pdf)
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Straßenwärter:

Autobahnmeisterei ErknerAngst und Autos im Nacken ...

Von Britta Müller

Rund 30 000 Straßenwärter sorgen auf Deutschlands Autobahnen, Bundes-, Lande- und Gemeindestraßen für freie Bahn – auch wenn das so mancher Verkehrsteilnehmer anders sieht, wenn die nächste Fahrbahnverengung in Signalorange am Horizont auftaucht: Zusätzlich zu ihrer generell enorm hohen physischen und psychischen Belastung und den Gefahren, die der Job birgt, müssen sich die Straßenbetriebsdienstler dann des öfteren auch noch fiese Pöbeleinen gefallen lassen – obwohl sie es sind, die Sicherheit auf der Piste produzieren. t@cker besuchte die Straßenwärter der Autobahnmeisterei Erkner in Brandenburg ...

Andreas Müller

Zsumm, zsumm, zsumm! Ein Auto nach dem anderen rauscht an Marc Kralisch (19) und Marcel Schumann (20) vorbei. Eine Fahrspur weiter donnern die Lkw auf der A 10 bei Berlin Richtung Süden. Nur wenige Zentimeter entfernt vom rasanten Autobahnverkehr gehen die beiden Straßenwärter-Azubis ihrem Job nach. Der besteht im Moment darin, gut drei Tonnen Kartoffeln, die ein überladener Laster vor wenigen Stunden verloren hat, vom Asphalt aufzulesen. Da kommt garantiert keine Freude auf: Es ist laut, zugig, herbstkalt – und vor allem lebensgefährlich. Marc, Marcel und ihre Kollegen halten den Kopf für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer hin. Tag für Tag.

  Crash

„Die Kartoffeln müssen eingesammelt und weggebracht werden, weil sich, von der Unfallgefahr mal ganz abgesehen, ansonsten die Wildschweine aus dem Wald drüber her machen würden“, erklärt der Leiter der Autobahnmeisterei, Andreas Müller (47), „da hilft dann auch der Wildschutzzaun nichts, wenn hier so ein Festtagsessen rumliegt.“ Dann sind also die Straßenwärter auch so eine Art Müllabfuhr? „Das können Sie laut sagen“, brummt der Diplom-Ingenieur. Nach acht Dienstjahren auf der Autobahn gibt es für ihn nichts mehr, was es nicht gibt: „Waschmaschinen, Kühlschränke, Herde, Mikrowellen, Möbel aller Größenordnungen, Reifen, Altbatterien und Schrott“ –im Grünstreifen und auf Parkplätzen entsorgen unverbesserliche Zeitgenossen zuweilen ganze Hausstände, wie das „zentrale „Schrott-Zwischenlager“ auf dem Gelände der Autobahnmeisterei bezeugt ...

   

Als alle Autobahn-Kartoffeln in Plastiksäcken verstaut sind, wird zum Rückmarsch in die Meisterei geblasen. Die Bahn ist wieder frei – auch die Beamten der Brandenburger Autobahn-Polizei haben sich soeben noch einmal davon überzeugt und loben den Blitz-Einsatz der „Engel in Orange“. Ein Mitarbeiter aus Müllers Team, gerade auf Kontrollfahrt, hatte die Havarie des Kartoffellasters zufällig beobachtet und umgehend gemeldet. Danach nahm er die Verfolgung des Delinquenten auf – denn der hatte das Malheur offensichtlich gar nicht mitbekommen. Auf einem Parkplatz machte ihn der Straßenwärter dann ausfindig und stellte ihn zur Rede. „Das nenn’ ich Einsatz!“, nickt der Meister zufrieden. Auch wir sind  ganz schön beeindruckt von den Straßenwärtern. Wie kann man so crazy sein

Roland Kristeleit

und einen Beruf ergreifen, bei dem rundherum  tonnenweise Blech mit mehr als 100 Stundenkilometern auf einen zurast? „Och, man gewöhnt sich dran“, sagen Marc und Marcel. Die Ausbildung, die sie seit zweieinhalb Jahren machen, sei gut, der Job an sich auch. Angst? „Haben wir nicht“, sagen zwei junge Menschen, die der harte Berufsalltag der Straßenwärter bis jetzt glücklicherweise noch einigermaßen verschont hat. Erfahrenere Kollegen wie Müller oder Personalrat Roland Kristeleit (42) sehen die Dinge differenzierter. „Die Angst ist immer da, das ist völlig klar“, sagt der Autobahnmeisterei-Chef, „und die verdrängt man beim Arbeiten, so gut es eben geht.“ Das ist permanenter „Stress hoch drei“, betont Kristeleit: „Immer hundertprozentige Konzentration, immer in der Lage sein, sich mit einem Sprung über die Leitplanke in Sicherheit zu bringen ...“ Statistisch ist das Berufsrisiko der Straßenwärter 23 Mal höher als das durchschnittliche entsprechende Risiko in der gewerblichen Wirtschaft. Die durchschnittliche Zahl der tödlichen Unfälle im Jahr liegt bei neun, die der Schwerverletzten im dreistelligen Bereich.

Straßenwärter-AzubisStudie: Enorm hohe psychische Belastungen

Und auch die psychischen Belastungen im Straßenbetriebsdienst sind nicht von Pappe, wie eine jüngst vorgelegte Studie, heraus gegeben vom Verband Deutscher Straßenwärter (VDStra) im dbb und der Landesunfallkasse Nordrhein-Westfalen, belegt:

Das unmittelbare Arbeiten im fließenden Verkehr bei permanentem Lärm, Vibrationen und Erschütterungen, bei Wind, Wetter, extremsten Bedingungen und Abgasnebel, gepaart mit dem ständigen Bewusstsein, dass etwas passieren kann, geht an die Nieren, hat Diplom-Psychologe Roland Portuné bei einer Befragung von Straßenwärtern heraus gefunden. Bedrohungs- und Angstgefühle führen nicht selten zu psychovegetativen Beschwerden, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Hinzu kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen, die von Gehöreinbußen über Herz-Kreislauferkrankungen bis hin zu degenerativen Abnutzungserscheinungen des Stütz- und Bewegungsapparates reichen – der Job geht auf die Knochen, und die Straßenwärter spüren das im Kreuz und sämtlichen Gelenken. Schwere körperliche Arbeit und dabei Angst und Autos im Nacken - eine Gefahrenzulage wie etwa die Kollegen von der Polizei bekommen die Straßenwärter trotzdem nicht.
 

„Besonders schlimm ist die Situation immer, wenn es einen von uns erwischt“, schildert Autbahnmeisterei-Chef Andreas Müller. „Aufrauchen“ nennen es die Straßenwärter in ihrem Jargon, wenn ein Verkehrsteilnehmer eine Kolonne übersieht und auffährt. „Der Erste, der dran glauben muss, ist derjenige im Vorwarner-Fahrzeug“, erklärt Müller. Er kennt einige Betroffene, die so einen Crash überlebt haben und danach nie wieder in den Sicherungswagen gestiegen sind. „Die sind traumatisiert für den Rest ihres Lebens.

Dreck Winterdienst

Schrott

Am Rastplatz

Das muss man dann als Chef auch verstehen und die Aufgaben umverteilen.“ Überhaupt – es grenzt schon an ein Wunder, wie die Straßenwärter das, was sie in ihrem Job auf der Straße sehen, verarbeiten. „Ich kann die Toten schon nicht mehr zählen“, sagt Müller. Bei nahezu jedem Unfall auf der Autobahn sind er und seine Kollegen mit die Ersten, die an der Unfallstelle eintreffen. „Vergessen Sie alles, was Sie im Fernsehen an Unfällen sehen“, sagt Roland Kristeleit ernst, „die Realität überbietet alles.“

Und trotzdem machen sie und ihre Kollegen weiter, Tag für Tag. Auf insgesamt mehr als 50 Streckenkilometern Autobahn, jeweils sechsspurig, sorgen die Straßenwärter von Erkner für freie Fahrt. Und nicht nur das – hinzu kommt die Betreuung von 95 Brücken, 45 Verkehrszeichenbrücken, über 13 Kilometern Lärmschutzwand, vier Großparkplätzen und zwei Tank- und Raststellen, auf denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Parkplätze sauber halten. Obwohl all das nicht nach einem Traumjob klingt, hat Müller keine Probleme, Berufsnachwuchs zu finden. „Ist doch auch klar“, sagt Personalrat Kristeleit, „in diesen Zeiten und im Osten ...“ Der Beruf des Straßenwärters ist formell seit 1968 als Ausbildungsberuf anerkannt. Und die Frauen und Männer müssen eine breite Palette an Fähigkeiten parat haben – nicht nur den Lkw-Führerschein, der in der Regel während der Ausbildung gemacht wird: Neben fundiertem Erste-Hilfe-Wissen sind handwerkliches Können wie Pflastern, Schlosserei, Mechanik oder der Umgang mit der Kettensäge ebenso gefragt wie die Bedienung der High-Tech-Steuerungen für die einzelnen Geräte in den Unimogs. Da sind Funk- und Mähgeräte, Streuautomaten, Schneefräse und -pflug ebenso zu bedienen wie die funkgesteuerte Technik der Signal-Anzeigetafeln an den Sicherungsfahrzeugen, von den Beschäftigten liebevoll „Mäusekino“ genannt. Kopf und Geschick sind täglich gefordert – bei Baustellenaufsicht, Baubegutachtung und betriebswirtschaftlichen Entscheidungen. Hier sind nur professionelle Allrounder am Start – leider nur allzu oft unterschätzt von zahlreichen Verkehrsteilnehmern. Nicht nur, dass sich diese mit wachsender Aggressivität gegenüber den Straßenwärtern verhalten. Auch der Respekt vor der Straßenverkehrsordnung lässt mittlerweile sehr zu wünschen übrig, stellen die Betriebsdienstler traurig fest: „Wie hier seit Fertigstellung der Autobahn gerast wird, ist nicht mehr normal“, sagt ein Kollege von Straßenwärter an der A10Andreas Müller. „Entsprechend verheerender werden die Unfälle ...“ Eine bemerkenswerte Ignoranz, die da gegenüber den Straßenwärtern an den Tag gelegt wird – immerhin sorgen sie für einen reibungslos funktionierenden Verkehrsfluss, der, spätestens seitdem die Lagerkapazitäten der Industrie weitgehend auf die Straße und Schiene verlagert worden sind, eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit ist. Straßenwärter – nicht zuletzt sozusagen Teil einer schlanken Produktionskette. Wir brauchen diese „Engel in Orange“, findet t@cker, und bittet: Fuß vom Gas, wenn das nächste Mal das „Mäusekino“ am Horizont auftaucht – das sind die Guten!

Mehr dazu im Internet: www.strassenwaerter.de

 

 

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