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Straßenwärter: Es hat sich was angestaut

 
 

DIE ZEIT


 

37/2004 

 

Es hat sich was angestaut

Auf der Autobahn A9 steht zwischen München und Berlin zur Ferienzeit der Verkehr still. Warum wird da ausgerechnet jetzt gebaut? Ein Besuch bei den Männern in Orange

Nachts auf der Autobahn A9, Kilometer 4/84, zwischen München und Nürnberg. Warnleuchten blinken ihr gelbes Licht in die Dunkelheit, das Licht beißt in den Augen, und in der Luft liegt der teerige Geruch des Asphalts, den zwei Fräsen aus der Fahrbahn stemmen, mit einem Knattern, so kopfwehlaut, dass die Ohren klingeln. Christian Kastner schreit gegen den Lärm der Maschinen und das Donnern der Lastwagen an, die zwei Schritte von ihm entfernt vorbeibranden. Seine Muskeln unter dem Fußballtrikot in den Farben Argentiniens sind mit echter Arbeit trainiert, darüber trägt der 35-Jährige eine Kunststoffweste in Leuchtorange. »Kleine Fahrbahnausbesserung«, brüllt er – 250 Meter von Rissen durchzogene Autobahndecke abfräsen, 1000 Quadratmeter neu asphaltieren, drei Nächte lang. Jeden Morgen verschwindet der Straßenwärter mit seinen drei Kollegen und den Bauarbeitern von Fremdfirmen wieder, damit der Verkehr ungehindert rollen kann. »Eine easy Baustelle«, ruft Kastner.

Er kegelt auf, so nennt sich das Absperren einer Fahrspur mit Warnkegeln. Kastner läuft im tosenden Verkehr den Mittelstreifen entlang. Zwei Sicherungsfahrzeuge mit Warnschildern halten die Autofahrer zu Vorsicht und Tempo 80 an, aber die meisten Wagen schießen viel schneller vorbei – mit 100, manche gar mit 120 Stundenkilometern. Ein gefährlicher Job. Seine Arbeit bringt Kastner 2000 Euro brutto ein – und viele Schimpfworte, Beleidigungen und andere Zeichen des Zorns. Denn jede Baustelle ist für Autofahrer ein Hassobjekt, und ihre Wut entlädt sich über den Arbeitern.

Ausgerechnet zur Ferienzeit wuchern die Baustellen auf deutschen Autobahnen besonders üppig – so scheint es zumindest, wenn man als Autofahrer aus der Lenkradperspektive in die Lande blickt. Auf vielbefahrenen Autobahnen wie der A9, die von Berlin nach München führt, muss sich der Verkehr durch Nadelöhre zwängen, oft ist Stau die Folge. Und viele Autofahrer fühlen sich geradezu provoziert, wenn Baustellen dazu noch verlassen wirken oder wochen- und monatelang nichts voranzugehen scheint. Manche kurbeln das Fenster herunter und zeigen den Männern in Orange, was sie von ihnen halten. Den ersten Mittelfinger sah Christian Kastner heute nach einer halben Stunde. Er hat sich angewöhnt, so was nicht mehr zu beachten. »Die meisten Leute wissen doch gar nicht, was wir genau tun«, sagt er.

Autobahnmeisterei München-Nord, Heidemannstraße. Hier am nördlichen Stadtrand von München beginnt die A9, oder sie endet, je nach Blickwinkel. Es ist sieben Uhr morgens. Klaus Seuferling, Kastners Chef, ist seit eineinhalb Stunden im Dienst. Seuferling ist Oberstraßenmeister und Chef der Autobahnmeisterei. »Wir sind hier die Feuerwehr«, sagt Seuferling, der in kurzer Hose und T-Shirt vor seinem Computer sitzt. Er ist 38 Jahre alt. Eine Autobahnmeisterei ist dafür zuständig, dass auf ihrer Strecke alles rund läuft, nicht nur der Verkehr. Sie kümmert sich um den Um- und Ausbau, um das Streuen bei Schnee und Eis und um das Räumen der Fahrbahn nach Unfällen. Die Autobahnmeisterei München-Nord ist zuständig für die A9 zwischen München und dem Dreieck Holledau, 45 Kilometer weiter Richtung Nürnberg. In diesem Bereich ist die Autobahn die meistbefahrene Bayerns. Und im Moment auch die mit den meisten Baustellen.

Die A9 wird auf einer Länge von neun Kilometern von sechs auf acht Fahrstreifen verbreitert und zudem an das neue Münchner Fußballstadion angebunden. Die Bauarbeiten werden zwei Jahre dauern. Außer jeder Menge Arbeit bedeutet das für Klaus Seuferling, dass er böse Briefe und E-Mails bekommt, an die 15 jede Woche, plus noch bösere Anrufe, die ihn manchmal sogar mitten in der Nacht erreichen, auf seiner Privatnummer. Dann entlädt sich der Zorn der Autofahrer: »Das darf doch nicht wahr sein« und: »Herrschaftszeiten, was soll das.« – »Die denken«, sagt Seuferling, »dass wir die Baustellen einrichten, um sie zu ärgern. Die denken: Das ist Behördenwillkür.« Seuferling muss sich dann zwingen, höflich zu bleiben und einfach nur zu erklären, woran das liegt. »Wir können doch nicht zaubern«, sagt er.

Was der Autofahrer nicht weiß: Die meisten Baustellen bekommt er gar nicht zu Gesicht – es sei denn, er ist nur nachts unterwegs. 80 Prozent aller Baustellen auf einer vielbefahrenen Autobahn wie der A9 werden abends eingerichtet und verschwinden am Morgen wieder, wie jene Baustelle bei Kilometer 4/84, auf der Christian Kastner schuftet. Klaus Seuferling schickt seine Arbeiter nur dann hinaus, wenn sie den Verkehr am wenigsten stören. Und er weiß genau, wann das ist, das sagt ihm ein elektronisches Informationssystem, das es auf jeder Autobahn gibt. Jedes Fahrzeug wird durch im Asphalt versenkte Sensoren erfasst. Auf Seuferlings Computerschirm erscheinen Diagramme und Kurven, die aussehen wie der Verlauf von Aktienkursen. »Wir sind sehr sensibel«, sagt Seufering. »Wenn dem nicht so wäre, hätte ich ein schlechtes Gewissen.« Doch die Autofahrer sehen das nicht.

Seuferling würde diesen Autofahrern gern sagen, dass er genau weiß, wann der beste Zeitpunkt ist, mit dem Bau zu beginnen. Dass nur gebaut wird, wo es auch wirklich notwendig ist – »aufgrund einer Veränderung des Zustands des Straßenkörpers, des Umfeldes, der Schutzplanken oder der Leiteinrichtungen«, wie es in der Dienstanweisung heißt. Seuferling sagt das einfacher: »Etwas ist kaputt. Und jetzt muss man es richten.« Soll er vielleicht warten, bis aus Rissen in der Fahrbahn ein Loch geworden ist?

Seuferling würde den Autofahrern auch gern sagen, dass seine Leute eine sehr gefährliche Arbeit tun. Heute ist bei einer benachbarten Autobahnmeisterei ein Chemielastzug in einen Schutzanhänger gerast, so etwas geschieht in manchen Wochen dreimal, zum Glück ist heute nichts Schlimmes passiert. Vor drei Jahren aber, Seuferling weiß es, als wäre es gestern gewesen, fuhr auf der A99 ein Mann ziemlich schnell, »der hatte Stress mit seiner Freundin und wollte sich abreagieren«. Zwei Mitarbeiter Seuferlings räumten gerade eine Unfallstelle. Es gab Warntafeln, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Schutzanhänger. Der Mann raste heran, scherte aus, erfasste einen der Straßenwärter. Der flog durch die Luft wie eine Puppe. Er überlebte nur, weil zufällig ein Krankenwagen in der Nähe war. Das war der schlimmste Arbeitsunfall in Seuferlings Autobahnmeisterei. Tote gab es noch keine. »Toi, toi, toi«, sagt Seuferling und klopft auf seinen Schreibtisch.

Nein, die Autofahrer sehen seine Probleme nicht. Sie sehen nur die Baustellen – wie jene im Münchner Norden, an der Tag und Nacht gearbeitet wird, weil sie bis zur WM in zwei Jahren fertig werden muss, Weisung der Autobahndirektion. Eine vier- bis sechsspurige Straße um zwei Spuren zu verbreitern ist kein leichter Job: Im Untergrund verlaufen Kabel, die erst mal neu verlegt werden müssen, für Notrufsäulen und Schilder mit Leuchtanzeigen. Eine simple Ausbesserung wie bei Kilometer 4/84 lässt sich in ein paar Tagen bewerkstelligen, weil nur die oberste Asphaltschicht weggefräst und eine neue aufgetragen werden muss; nach ein paar Stunden Abkühlung darf der Verkehr weiterrollen. Bei einer Verbreiterung aber muss erst der Untergrund vorbereitet und planiert werden; dann kommen drei Schichten Kies und Schotter darauf und am Ende zwei Schichten flüssiger Asphalt. Dieser hat eine Temperatur von mehr als 150 Grad und darf nicht zu schnell abkühlen, sonst gibt es Risse; im Winter und auch bei starkem Regen lässt er sich schlecht verarbeiten. Klaus Seuferling freut sich über gutes spätsommerliches Wetter, die Baustelle muss 2006 fertig sein, Ferien hin oder her, auch wenn die Leute schimpfen.

»Die Leute denken, dass wir alle Deppen sind«, sagt er. »Aber Straßenwärter ist ein anerkannter Lehrberuf. Wir sind keine hergelaufenen Hilfsarbeiter.«

München, Seidlstraße. Hier residiert die Autobahndirektion Südbayern, Herrin über 1129,6 Kilometer Autobahn, neun Autobahnkreuze, acht Autobahndreiecke, 208 Anschlussstellen. Ein Abbild davon hängt in Michael Tietzes Büro. Tietze, 58 Jahre alt, ist Leitender Baudirektor der Abteilung Planung & Bau in der Autobahndirektion Südbayern; er ordnet alle Baustellen an.

Tietze kümmert sich vor allem um Baustellen, die von langer Hand geplant werden. Steigt der »Durchschnittliche Tägliche Verkehr« (DTV) – der Puls der Autobahn – und bleibt er hoch, kommt der Arzt mal nachgucken. Das nennt man Verkehrstechnische Untersuchung. Bei der A9 zwischen München und dem Kreuz Neufahrn liegt der DTV bei 144200 Fahrzeugen in 24 Stunden, und bald rechnet man mit einem DTV von 189000. Das ist viel. Zu viel. Die Ärzte, also Michael Tietze und seine Kollegen, überlegten schon vor einiger Zeit, was man tun könnte. Das schrieben sie auf, für »die Oberste«, wie sie in der Autobahndirektion liebevoll sagen, die Oberste Baubehörde Bayerns im Innenministerium. Die bekam die Verkehrstechnische Untersuchung sowie eine Grobplanung für einen möglichen Ausbau, bewertete das alles, plante, gab die Pläne für die großen Bauvorhaben weiter an das Bundesverkehrsministerium, das wiederum alles sammelte, bewertete und einen Bundesverkehrswegeplan daraus machte, in dem jedes Bauvorhaben aufgeführt war, auf Straße, Schiene, Flüssen, nach Dringlichkeit gestaffelt. Der ging in den Bundestag, zur Abstimmung. Die Vorplanungen dauerten ein Jahr, im Frühjahr wurde mit dem Bau begonnen, die Fußball-WM beschleunigte das Ganze.

Michael Tietze sagt: »Als gastgebendes Land der Fußballweltmeisterschaft will man sich eben mit einer achtspurigen Autobahn präsentieren.« Es klingt entschuldigend, und so ist es auch gemeint. Wegen der WM wird sogar jetzt gebaut, zur Zeit der bayerischen Schulferien, und das ist, gemäß Dienstanweisung, nicht erlaubt. »Für gewöhnlich«, sagt Michael Tietze, »kalkuliert man so, dass die Autofahrer möglichst wenig beeinträchtigt werden.« Das bedeutet: möglichst keine Baustellen in den Ferien, wenn die Urlauber kommen, keine am Wochenende, wenn die Ausflügler fahren, und keine zu Stoßzeiten, wenn die Pendler fahren. Das ist die Theorie. In der Praxis würde die A9 bis zur WM nicht fertig, hielte man alle Regeln ein. Zwanzig längerfristige Baustellen gibt es derzeit auf bayerischen Autobahnen, vier davon auf der A9, alle in der Nähe des neuen Stadions. Den Ärger darüber, sagt Michel Tietze, könne er durchaus verstehen: »Man ist ja selbst Verkehrsteilnehmer.«

Inzwischen ist Stau bei Kilometer 4/84, die Autofahrer gucken böse. »Das ist gar kein Stau«, sagt Christian Kastner, »das ist zähfließender Verkehr.« In der Tat fahren die Autos mit 40, 50 Stundenkilometern, abgebremst auf einer Strecke von nur eineinhalb Kilometern. Doch die Leute fühlen sich im Stau. Das ist für Kastner das Schlimmste, diese Sichtweise, diesen Ärger kann er nicht nachvollziehen. »Die meisten denken doch nur: Ich kann keine 200 fahren, nicht einmal 160 – Scheiße.« Dann kommen die Beschimpfungen. »Dabei läuft es doch«, sagt Kastner. Fünf Minuten lang Tempo 50, das ist für ihn nicht der Weltuntergang.

 

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