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Straßen- und Autobahnmeisterei Frankfurt/M.:
In Deutschland erfüllen 25
bis 30 Tausend Straßenwärter die „Sicherungspflicht“ auf Autobahnen,
Bundes-, Land- und Gemeindestraßen, sie haben für den kontinuierlichen
Verkehrsfluss zu sorgen. Ihr Job ist die erste Hilfe, nicht die
Grundsanierung. Für die Straßen- und Autobahnmeisterei Frankfurt/M.,
eine der größten Meistereien Deutschlands, geht es um die Räumung und
Sicherung von insgesamt zirka 700 Kilometer Fahrspur. Die 32 Mitarbeiter
sind dabei für 180 Kilometer Autobahnstrecke verantwortlich.
Gerade an diesem zugigen
Novembertag kann man sich eigentlich nicht vorstellen, warum ein junger
Mensch sich für die Ausbildung zum Straßenmeister begeistern soll. Am
Frankfurter Kreuz ist es kalt, zugig, laut, und es stinkt. Die
Umweltbelastung durch Lärm und Abgase ist ebenso hoch wie der Stress
durch den gefährlichen Arbeitsplatz. Die meisten Dinge im Arbeitsalltag
des Straßenwärters bewegen sich mit über 100 Stundenkilometern auf ihn
zu oder von ihm weg. In jedem Fall ist immer höchste Wachsamkeit
geboten.
Was sind das also für Menschen,
die Straßenwärter? Kolonnenführer Thomas Ernst konstatiert trocken: „Das
sind alles Bekloppte, die hier arbeiten.“ Er selbst habe schon ganze
Novembervormittage bis zum Bauch in Abwasserseen am Straßenrand
zugebracht, bei dem Versuch, einen Abflussdeckel zu ziehen.
Immer die Gefahr im
Nacken
„Und dann“, ergänzt sein Kollege
Frank Bader, „hat man immer die Gefahr im Nacken. Vor einem dreiviertel
Jahr hat es zwei Kollegen von uns bei der Gehölzpflege am Bad Homburger
Kreuz erwischt. Ein 80-jähriger Verkehrsteilnehmer ist nicht links an
der Absperrung vorbei, sondern rechts auf der Standspur direkt in die
Baustelle gerast. Einer der beiden Verletzten war damals eigentlich nur
als Winteraushilfe angeheuert. Der wird heute noch operiert. Zum Glück
ist er wenigstens übernommen worden.“
Die Kollegen auf der Autobahn
bauen sich immer entgegen der Fahrtrichtung auf. „Trotzdem braucht es
einen siebten Sinn. Auch hinten kann natürlich jederzeit etwas schief
gehen, etwa auf der Gegenfahrbahn. Die Gefahr ist überall.“
Statistisch ist das Berufsrisiko
der Straßenwärter zehn bis fünfzehn Mal höher als bei normalen
gewerblichen Arbeitnehmern. Die Zahl der tödlichen Unfälle im Jahr liegt
bei neun, die der Schwerverletzten im dreistelligen Bereich. Eine
Gefahrenzulage wie etwa die Kollegen von der Polizei bekommen die
Straßenwärter ebenso wenig wie eine angemessene Erschwerniszulage als
Ausgleich für die Umweltbelastungen.
Wirtschaftliche Schäden
Also ist es die Macht, Staus zu
verursachen, die die Leute in die Straßenwärterei lockt? Das, so der
leitende Ingenieur, Ulf Heine, sei nun wirklich Quatsch und die völlige
Verdrehung der Aufgabe. „Seit die Lagerkapazitäten der Industrie
weitgehend auf die Straße und Schiene verlagert sind, ist der
reibungslos funktionierende Straßenverkehr eine volkswirtschaftliche
Notwendigkeit. Wir sind sozusagen Teil einer schlanken Produktionskette
geworden.“ Da der Schwerlastverkehr bis 2015 noch um weitere 60 Prozent
zulegen soll, werde die volkswirtschaftliche Bedeutung eines ungestörten
Straßenverkehrs noch zunehmen.
Außerdem, so wurde hiermit von
letztentscheidender Stelle dementiert, gebe es keine Verschwörung, neue
Baustellen immer zu Ferienbeginn oder Montags früh um sieben Uhr
einzurichten. „Das“, so der augenzwinkernde Bescheid der Straßen- und
Autobahnmeisterei Frankfurt/M., „ist doch mit der
Baustellenleit(d)planung gar nicht vereinbar.“
Der Beruf des Straßenwärters ist
formell erst seit 1968 als Ausbildungsberuf anerkannt. Die Palette der
Tätigkeiten ist dabei ausgesprochen breit: neben der Baustellenaufsicht,
Baubegutachtung und Betriebswirtschaft, gehört auch der IT-Einsatz, die
Schlosserei, die Arbeitsplanung und Streckenwärterei zu den
Arbeitsschwerpunkten. Oder kürzer, nach Kolonnenführer Bader: „Wir
meistern alles, was mit Autobahn zu tun hat.“
Sicherheit hat ihren
Preis
Aufgrund der besonderen
Belastungssituation der Straßenwärter fordert die dbb Gewerkschaft
VDStra – der Verband Deutscher Straßenwärter – die allgemeine
Höhergruppierung der Straßenwärter in die Lohngruppe 5, eine
Arbeitsplatz- und Gefahrenzulage sowie die bessere Kenntlichmachung der
Kollegen im Einsatz.
VDStra-Bundesvorsitzender
Siegfried Damm: „Das gelbe Blinklicht sichert die Erkennbarkeit der
Straßenwärter nicht mehr ausreichend. Weißes oder auffällig helles
Blitzlicht wäre hier wirkungsvoller. Außerdem muss man auch über die
Herabsetzung der Richtgeschwindigkeit im Baustellenbereich auf
Autobahnen von 80 auf 60 Stundekilometer diskutieren. Genauso übrigens
wie über einen TÜV für PKW-Fahrer. Was spricht eigentlich gegen die
regelmäßige Überprüfung der Fahrtauglichkeit? Der Sicherheit der
Kollegen vom Straßenbetriebsdienst wäre damit jedenfalls gedient.“
Schon jetzt bewältigt das
Frankfurter Kreuz 320 000 Fahrzeugbewegungen in 24 Stunden. Auf einer
der Brücken stehend kann man leicht hören, riechen und durch die
Schwingungen im Bauwerk auch spüren, welche Belastung davon für Statik,
Umwelt und Straßenwärter ausgeht.
Zudem klagen die Frankfurter
Kollegen über wachsende Aggressivität der Verkehrsteilnehmer und
sinkenden Respekt gegenüber der Straßenverkehrsordnung. Obwohl die
Straßenwärter auch unter extremsten Witterungsbedingungen immer als
erste raus müssen, die Hauptverkehrswege zu räumen und obwohl ihr
Auftauchen am Stauende eigentlich die Voraussetzung für dessen Auflösung
ist, werden sie häufig als die eigentlichen Stauverursacher geschmäht.
Ursache und Wirkung
Doch damit nicht genug. Thomas
Ernst: „Richtig schlimm wird es, wenn der Fahrer der einen oder anderen
Nobelkarosse meint, er müsste im Stau die Standspur nicht für den von
hinten nahenden LKW der Autobahnmeisterei räumen. Das ist tatsächlich
passiert. Und da half auch kein freundliches Zureden mehr. Wir haben das
Problem dann mit handgreiflicher Unterstützung einiger Fernfahrer gelöst
und den Wagen sozusagen manuell versetzt. Nicht nur das der PKW-Fahrer
klar gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen hat, es war auch völlig
blödsinnig. Wie anders als durch unsere Hilfe hat der denn geglaubt, da
je wieder raus zu kommen?“
Auch im Straßenverkehr regiert
die Sparwut. Ein Drittel der Straßen- und Autobahnmeistereien sollen
wegfallen. Die Arbeitsverdichtung für die verbleibenden Dienststellen
ist unvermeidlich.
Gleichzeitig steigt wie gesagt
auch die Verkehrsdichte und die Abhängigkeit der Industrie vom
reibungslosen Verkehrsfluss. Es braucht keine hellseherischen
Fähigkeiten, um zu prognostizieren, dass die Rechnung der Politiker
nicht aufgehen wird. Heute gesparte Mittel werden dem Steuerzahler
morgen doppelt und dreifach als Aufwendungen für durch Wartung
vermeidbare Grundsanierung oder Steuerausfälle durch Störungen des
Wirtschaftskreislaufs wieder vor die Füße fallen.
Reine Rosinenpickerei
Hinzu kommen die
Privatisierungsüberlegungen des Bundes. Nach dem
„Bundesfernstraßenbaufinanzierungsgesetz“ gibt es verschiedene Modelle
privater Beteiligung. Da gibt es das sogenannte F-Modell, wo Bau,
Wartung und Unterhalt bestimmter später dann mautpflichtiger Projekte
ganz in die Hände privater Unternehmen gelegt werden. Darüber hinaus
sind aber auch Betreibermodelle (A-Modell) möglich, nach denen bestimmte
Autobahnausbauten inklusive der Wartung an Privatfirmen vergeben werden.
Und schließlich gibt es drittens die reine Auftragsvergabe an
Privatfirmen für bestimmte Wartungsleistungen wie Grünpflege oder
Winterräumdienste.
Aus Sicht der Straßenwärter ist
hier vor allem die drohende Rosinenpickerei problematisch.
Wärtereileiter Heine: „Wir müssen weiter den reibungslosen Verkehrsfluss
gewährleisten, der Private Räumdienst muss seine Betriebwirtschaftliche
Bilanz im Kopf behalten. Der kann nicht einen Notfallfahrzeugpark
vorhalten. Was passiert also bei einem plötzlichen Wintereinbruch? Da
werden wir uns nicht darauf beschränken können, mit dem Finger auf den
Auftragsnehmer zu zeigen, der vielleicht aktuell nicht in der Lage ist,
entsprechend viele Fahrzeuge bereit zu stellen. Dan müssen wir trotzdem
raus.“
Und dafür müssen die Straßen-
und Autobahnmeistereien natürlich ihrerseits Technik und Personal über
Bedarf hinaus bereit halten, sonst bricht das Sicherungssystem gerade
dann zusammen wenn die Verkehrsteilnehmer am meisten darauf angewiesen
sind. Und das wäre dann der Zeitpunkt wo alle – zuerst natürlich der
eine oder andere Sturkopf in Nobelkarosse – mit dem Finger auf die
Straßenwärter zeigen würden. Zit |