
| Zeckenopfer
Walter Strasser: Ein Leben ohne Schmerzen wird es für
den Weiacher nie mehr geben. (Bild: Patrick Gutenberg) |
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WEIACH / Walter Strasser ist mit 49 Jahren durch
Lyme-Borreliose zum IV-Rentner geworden
Und dabei war es nur
ein kleiner Zeckenstich
Die Schmerzen sind immer da –
einmal mehr, einmal weniger. Beim Aufwachen am Morgen merkt
Walter Strasser jeweils, ob ihn ein guter oder ein
schlechter Tag erwartet.
ANGELIKA NIDO
Hat er einen guten Tag, lassen
sich die Muskel- und Gelenkschmerzen etwas besser aushalten,
braucht er weniger Medikamente und kann im Haushalt oder
rund um sein kleines Häuschen im Weiacher Oberdorf einige
leichte Arbeiten verrichten. An ganz schlechten Tagen muss
er im Bett liegen bleiben, hilft nur noch Morphium. «Die
Krankheit beherrscht meinen Körper. Ich bin ihr vollkommen
ausgeliefert», sagt Walter Strasser. Er ist 51 Jahre alt und
seit zwei Jahren IV-Rentner: «Eine winzige Zecke hat mein
Leben zerstört.»
* * *
Rückblende ins Jahr 1983: Walter Strasser ist ein Bär von
einem Mann – gross, gesund und kräftig. Er ist glücklich
verheiratet und Vater von vier Kindern. Nach verschiedenen
Jobs tritt er eine Stelle im Strassenunterhaltsdienst des
Kantons Zürich an. Die Arbeit macht Walter Strasser Spass:
In den folgenden Jahren bessert er zusammen mit seinen
Kollegen Strassenschäden aus, schneidet Grünzeug zurück und
kriecht auch mal ins Gebüsch, um eine Signalisation
anzubringen. «Klar haben mich immer wieder Zecken gestochen,
denn ich ziehe die Viecher an wie ein Magnet», erinnert sich
Strasser. Sorgen um seine Gesundheit habe er sich nie
gemacht: «Wir waren ja alle geimpft und glaubten uns in
Sicherheit.»
* * *
Ein paar Jahre später, 1989, traten bei ihm Schwindelgefühle
und Sehstörungen auf. Später kamen Schmerzen in der linken
Schulter dazu, und er suchte einen Arzt auf. Der verschrieb
ihm Cortison – eine Besserung blieb aus. Als der
Strassenwärter in immer kürzeren Abständen ermüdete, suchte
er weitere Ärzte auf – sie waren ratlos, verschrieben
Therapien und Medikamente und rieten zur Schonung. «Dem
Aufgeben nahe wandte ich mich an eine weitere Ärztin, und
diese kam als Erste auf den Gedanken, ich könnte an der
Zeckenkrankheit Lyme-Borreliose leiden», erklärt Strasser.
* * *
Bei der Operation seiner schmerzenden Schulter wurde aus dem
Verdacht Gewissheit: Tests hatten einen hohen Anteil
Zeckengift in Strassers Blut aufgezeigt und eindeutig auf
Lyme-Borreliose hingewiesen. «Nach fast vier Jahren hatte
meine Krankheit endlich einen Namen», erinnert sich
Strasser. Die anschliessende Therapie kam für den Weiacher
jedoch zu spät: Die Bakterien hatten in seinem Körper schon
zu viel Schaden angerichtet – Walter Strasser wird nie mehr
gesund werden, nie mehr ohne Schmerzen sein. Die Schuld
dafür gibt er den Ärzten, die ihn zu Beginn behandelten,
seine Schmerzen nicht ernst nahmen und ihn als
arbeitsscheuen Simulanten abstempelten. «Die Ärzte haben
meine Krankheit nicht erkannt. Wenn sie richtig reagiert
hätten, könnte ich heute ein normales Leben führen.»
* * *
Das normale Leben hat sich von Walter Strasser definitiv
verabschiedet, ebenso wie seine Arbeit, die meisten Freunde
und seine Frau. 23 Jahre waren die beiden verheiratet, haben
vier Kinder grossgezogen. «Aber es war einfach zu viel für
sie. Sie ist mit meiner Krankheit nicht klargekommen.» Um
seine tiefe Traurigkeit zu überspielen, wühlt er in den
Ordnern und Dokumentenstapeln, die den Tisch in seiner
gemütlichen Stube bedecken. Irgendwo befindet sich ein Blatt
Papier, welches bestätigt, dass fast 90 Prozent aller schwer
Lyme-Borreliose-Kranken ihre Partner verlieren. Statistische
Bestätigung für eine menschliche Tragödie. Walter Strasser,
der einfache «Büezer», der im Zürcher Weinland aufgewachsen
ist, verschanzt sich hinter Fachliteratur, medizinischen
Ausdrücken und wissenschaftlichen Dokumenten. Er schickt sie
vor im Kampf gegen das Unverständnis, das ihn umgibt – die
Angst, dass man ihm nicht glaubt, sitzt tief. Sein Gang
wirkt zwar ein wenig schleppend, die steifen Finger kämpfen
mit dem Verschluss der Mostflasche, und bei jeder
Anstrengung glänzen Schweissperlen auf seiner Stirn, doch
eigentlich sieht Walter Strasser äusserlich ziemlich gesund
aus. «Du muesch nur schaffe, dänn chunnts scho wieder guet»
– solche verletzenden Sprüche hört Walter Strasser deshalb
immer wieder, auch von Menschen, die ihm einmal nahe
standen.
* * *
Walter Strasser ist zwar zu 100 Prozent arbeitsunfähig, doch
seit er wegen eines Zeckenstichs krank geworden ist, ist
sein Leben ein täglicher Kampf: gegen die Krankheit, die
Auswirkungen der Medikamente und immer stärker gegen die
lähmende Untätigkeit, zu der er an vielen Tagen verdammt
ist, und vor allem gegen die Einsamkeit, die in sein Leben
eingezogen ist, seit seine Frau ausgezogen ist.
Zu den Schmerzen und der seelischen Not kommen materielle
Sorgen. Gegen die SUVA hat Walter Strasser zweieinhalb Jahre
um seine Ansprüche prozessiert, bevor das Sozialgericht ihm
Recht gab. Er lebt mit einer kleinen Rente am Rande des
Existenzminimums und hat Angst vor der Zukunft. «Ich weiss
nicht, welche Tücken die Krankheit für mich noch
bereithält.»
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