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Und dabei war es nur ein kleiner Zeckenstich

  VERBAND DEUTSCHER STRASSENWÄRTER  


 

     
 
ZU: STORY   Donnerstag, 22. Februar 2001
     
Zeckenopfer Walter Strasser: Ein Leben ohne Schmerzen wird es für den Weiacher nie mehr geben. (Bild: Patrick Gutenberg)

 

 

 

  WEIACH / Walter Strasser ist mit 49 Jahren durch Lyme-Borreliose zum IV-Rentner geworden

Und dabei war es nur ein kleiner Zeckenstich

Die Schmerzen sind immer da – einmal mehr, einmal weniger. Beim Aufwachen am Morgen merkt Walter Strasser jeweils, ob ihn ein guter oder ein schlechter Tag erwartet.

ANGELIKA NIDO

Hat er einen guten Tag, lassen sich die Muskel- und Gelenkschmerzen etwas besser aushalten, braucht er weniger Medikamente und kann im Haushalt oder rund um sein kleines Häuschen im Weiacher Oberdorf einige leichte Arbeiten verrichten. An ganz schlechten Tagen muss er im Bett liegen bleiben, hilft nur noch Morphium. «Die Krankheit beherrscht meinen Körper. Ich bin ihr vollkommen ausgeliefert», sagt Walter Strasser. Er ist 51 Jahre alt und seit zwei Jahren IV-Rentner: «Eine winzige Zecke hat mein Leben zerstört.»

* * *

Rückblende ins Jahr 1983: Walter Strasser ist ein Bär von einem Mann – gross, gesund und kräftig. Er ist glücklich verheiratet und Vater von vier Kindern. Nach verschiedenen Jobs tritt er eine Stelle im Strassenunterhaltsdienst des Kantons Zürich an. Die Arbeit macht Walter Strasser Spass: In den folgenden Jahren bessert er zusammen mit seinen Kollegen Strassenschäden aus, schneidet Grünzeug zurück und kriecht auch mal ins Gebüsch, um eine Signalisation anzubringen. «Klar haben mich immer wieder Zecken gestochen, denn ich ziehe die Viecher an wie ein Magnet», erinnert sich Strasser. Sorgen um seine Gesundheit habe er sich nie gemacht: «Wir waren ja alle geimpft und glaubten uns in Sicherheit.»

* * *

Ein paar Jahre später, 1989, traten bei ihm Schwindelgefühle und Sehstörungen auf. Später kamen Schmerzen in der linken Schulter dazu, und er suchte einen Arzt auf. Der verschrieb ihm Cortison – eine Besserung blieb aus. Als der Strassenwärter in immer kürzeren Abständen ermüdete, suchte er weitere Ärzte auf – sie waren ratlos, verschrieben Therapien und Medikamente und rieten zur Schonung. «Dem Aufgeben nahe wandte ich mich an eine weitere Ärztin, und diese kam als Erste auf den Gedanken, ich könnte an der Zeckenkrankheit Lyme-Borreliose leiden», erklärt Strasser.

* * *

Bei der Operation seiner schmerzenden Schulter wurde aus dem Verdacht Gewissheit: Tests hatten einen hohen Anteil Zeckengift in Strassers Blut aufgezeigt und eindeutig auf Lyme-Borreliose hingewiesen. «Nach fast vier Jahren hatte meine Krankheit endlich einen Namen», erinnert sich Strasser. Die anschliessende Therapie kam für den Weiacher jedoch zu spät: Die Bakterien hatten in seinem Körper schon zu viel Schaden angerichtet – Walter Strasser wird nie mehr gesund werden, nie mehr ohne Schmerzen sein. Die Schuld dafür gibt er den Ärzten, die ihn zu Beginn behandelten, seine Schmerzen nicht ernst nahmen und ihn als arbeitsscheuen Simulanten abstempelten. «Die Ärzte haben meine Krankheit nicht erkannt. Wenn sie richtig reagiert hätten, könnte ich heute ein normales Leben führen.»

* * *

Das normale Leben hat sich von Walter Strasser definitiv verabschiedet, ebenso wie seine Arbeit, die meisten Freunde und seine Frau. 23 Jahre waren die beiden verheiratet, haben vier Kinder grossgezogen. «Aber es war einfach zu viel für sie. Sie ist mit meiner Krankheit nicht klargekommen.» Um seine tiefe Traurigkeit zu überspielen, wühlt er in den Ordnern und Dokumentenstapeln, die den Tisch in seiner gemütlichen Stube bedecken. Irgendwo befindet sich ein Blatt Papier, welches bestätigt, dass fast 90 Prozent aller schwer Lyme-Borreliose-Kranken ihre Partner verlieren. Statistische Bestätigung für eine menschliche Tragödie. Walter Strasser, der einfache «Büezer», der im Zürcher Weinland aufgewachsen ist, verschanzt sich hinter Fachliteratur, medizinischen Ausdrücken und wissenschaftlichen Dokumenten. Er schickt sie vor im Kampf gegen das Unverständnis, das ihn umgibt – die Angst, dass man ihm nicht glaubt, sitzt tief. Sein Gang wirkt zwar ein wenig schleppend, die steifen Finger kämpfen mit dem Verschluss der Mostflasche, und bei jeder Anstrengung glänzen Schweissperlen auf seiner Stirn, doch eigentlich sieht Walter Strasser äusserlich ziemlich gesund aus. «Du muesch nur schaffe, dänn chunnts scho wieder guet» – solche verletzenden Sprüche hört Walter Strasser deshalb immer wieder, auch von Menschen, die ihm einmal nahe standen.

* * *

Walter Strasser ist zwar zu 100 Prozent arbeitsunfähig, doch seit er wegen eines Zeckenstichs krank geworden ist, ist sein Leben ein täglicher Kampf: gegen die Krankheit, die Auswirkungen der Medikamente und immer stärker gegen die lähmende Untätigkeit, zu der er an vielen Tagen verdammt ist, und vor allem gegen die Einsamkeit, die in sein Leben eingezogen ist, seit seine Frau ausgezogen ist.
Zu den Schmerzen und der seelischen Not kommen materielle Sorgen. Gegen die SUVA hat Walter Strasser zweieinhalb Jahre um seine Ansprüche prozessiert, bevor das Sozialgericht ihm Recht gab. Er lebt mit einer kleinen Rente am Rande des Existenzminimums und hat Angst vor der Zukunft. «Ich weiss nicht, welche Tücken die Krankheit für mich noch bereithält.»

 

     
 
 




 

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