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Straßenwärter: Vom ruhigem Job zum hektischen Einsatz

Zeitsprung: Vor rund hundert Jahren begannen Bau und Pflege des Verkehrssystem Straße

VDI nachrichten 25.02.2000, S. 01

Von

Das letzte Jahrhundert war in Deutschland in großem Maße vom Straßenbau geprägt. Doch bereits vor der großen Motorisierungswelle stand zur Pflege der Verkehrswege der Straßenwärter bereit. Ihn gibt es noch immer, den Straßenneubau hingegen so gut wie nicht mehr.
Noch bevor in Deutschland der Autobahn-Bauboom in den 30er, 50er und 60er Jahren einsetzte, gab es ihn bereits: den Straßenwärter. Denn das Netz heutiger Bundes-, Land- und Kreisstraßen existierte weit vor den kreuzungsfreien Fernstraßen. Für die Pioniere der Straßenunterhaltung waren nicht "Unimog", computergesteuertes Streufahrzeug und Motorsense die meistgebrauchten Werkzeuge, sondern Dienstfahrrad, Schaufel und Besen.
Da im 20. Jahrhundert der Ausbau des Straßennetzes hohe Priorität genoss, sprechen Insider von den vergangenen 100 Jahren als dem Zeitraum des Straßenbaus. Im Gegensatz dazu hat heute in Deutschland Straßenbau Seltenheitswert. Unterhaltung und Instandhaltung bestehender Verkehrswege sind jetzt das tägliche Brot für Straßenbauverwaltungen. Entsprechend rollen große Baumaschinen nur noch an, wenn es um Erneuerung von Fahrbahnen oder um Bau von Ortsumgehungen geht.
Indes: die Straßenwärter haben immer noch alle Hände voll zu tun. Im Gegenteil: Ein Verkehrsaufkommen, dass sich deutschlandweit in den letzten fünfzig Jahren mit einem Anstieg von knapp 1,5 Mio. Pkw (1954) auf über 41 Mio. Pkw (1998) fast verdreißigfacht hat, stelle auch die 45 Straßen- und Autobahnmeistereien des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) vor neue Herausforderungen, betont der kommunale Verband in Münster. Wo vor 100 Jahren sechs Wegbauinspektionen und neun Landesbauämter 2500 km Straße betreuten, pflege, repariere und warte die LWL-Straßenbauverwaltung heute ein Streckennetz von mehr als 10 000 km Länge. Dennoch konnten – weil sich die Leistungsfähigkeit erhöht hat – in den vergangenen Jahren 13 LWL-Meistereien geschlossen und die Arbeit auf die verbleibenden Meistereien verteilt werden.
Heute ist in Nordrhein-Westfalen jede Straßenmeisterei (SM) für durchschnittlich 325 km Straße zuständig, jede Autobahnmeisterei (AM) mit 75 km Autobahn befasst. Anfang der 90er Jahre waren es 230 km Straße, die eine SM betreute, und 65 km Autobahn, für die eine AM zuständig war. Die Zahl der 1725 Brücken, die zur Jahrhundertmitte in Westfalen-Lippe existierte, wuchs bis heute auf über 5200. Bei den Bauten, die der LWL momentan wartet und auf ihre Sicherheit prüft, handelt es sich um Stahl- und Betonkonstruktionen.
Mit den technologischen Entwicklungen der letzten Zeit hat sich auch die Straßenunterhaltung verändert. Aus heutiger Sicht undenkbar, dass jeder Mitarbeiter der einstigen Provinzialverwaltung, dessen Nachfolgeeinrichtung der LWL ist, bis ins 20. Jahrhundert seinen persönlichen 5 km bis 10 km langen Straßenabschnitt per Fahrrad betreute. Erst 1962 wurde wegen des hohen Verkehrsaufkommens und der besseren Effektivität auf das Kolonnensystem umgestellt. "Arbeit in Fachgruppen" nennt der LWL diese Form der Straßenunterhaltung.
Die Wegewärter, die bis dahin fast immer in der Nähe "ihrer" Strecke wohnten, verdienten am Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 725 Mark pro Jahr, bekamen 90 Mark Wohnungszuschusss und 37 Mark für Kleidung. Dafür säuberten die Männer manuell die Straßen, besserten per Hand Schlaglöcher aus, schnitten Pflanzen am Wegesrand und schaufelten im Winter von großen Anhängern Sand und Splitt als Streumittel auf die Straßen. Um nur mit Sand und Schaufel die Straßen befahrbar zu halten, beschäftigte die Provinzialverwaltung im Winter Saisonarbeiter. Sobald der Winter vorbei war, musste eben dieses Streugut mühsam wieder zusammengefegt und aus den Entwässerungsgräben entlang der Straße geschaufelt werden.
Heute berechnen Computer in den Fahrzeugen während der Sreufahrt jedes nötige Gramm Streusalz, minimieren so Kosten und Umweltbelastung. Durch den Einsatz von Feuchtsalz und der detaillierten Wetterprognose über das "Straßenzustands- und Wetterinformationssystem" (SWIS) habe sich der LWL unter den Straßenunterhaltern Deutschlands einen der ersten Plätze erarbeitet, freut sich Pressesprecherin Ingrid Scholtz. Als Vorreiter habe sich der LWL auch durch ein Partnerschafts-Angbot erwiesen: Nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stärker und preiswerter" sei zwischen dem LWL sowie den westfälischen und lippischen Kommunen eine Kooperation geschlossen worden. Die Betreuung einzelner Straßen oder die Anschaffung von teuren oder nur selten gebrauchten Maschinen werde untereinander aufgeteilt. Das Ziel laut LWL: "Der Aufwand für jeden Partner wird geringer, das knappe Geld wird sinvoll eingesetzt."
Dass sich die Effktivität der Straßenbauverwaltungen durch den Einsatz moderner Technik vervielfacht hat, zeigt ein Vergleich der Werkzeuge. Vor 60 Jahren zogen die Straßenwärter einen zweirädrigen Karren, der die notwendigen Arbeitsgeräte enthielt. Darin lagen – so eine Aufstellung der Autobahnmeisterei Oelde von 1939 – "Schaufel, Spaten, Hacke, Farbpinsel, Petroleumlaterne und Maurergerät". Die wenigen Lkw waren mit Holzgasgenerator und Keilpflug ausgestattet. Wo damals pure Muskelkraft reichen musste, setzen die Straßenbauverwaltungen heute Kran, Hubsteiger, Kehrmaschine und Streufahrzeug ein.
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